Hinter den Begriffen ADS ( Aufmerksamkeits - Defizit - Syndrom ) und ADHS ( Aufmerksamkeits - Defizit - Hyperaktivitäts - Syndrom ) verbirgt sich eine neurobiologische Erkrankung, von der in erster Linie Kinder und Jugendliche betroffen sind ( so die Meinung und die Einstellung eines grossen Teiles unserer Gesellschaft ).
Neueste Forschungen, insbesondere in den USA und der Schweiz, belegen, dass dies nachweislich nicht so ist, sondern dass diese Krankheit vielmehr in das Erwachsenenalter übernommen wird, allerdings in unterschiedlichen Schweregraden, verbunden mit diversen Begleiterkrankungen, die überwiegend psychischer Natur sind.
Bereits in der Schwangerschaft fallen Kinder mit ADHS oft durch vermehrte Unruhe im Mutterleib auf. Häufiges Schreien, Schlafstörungen,Tonusauffälligkeiten, Ablehnung von Körperkontakt als Säugling, mangelnde Ausdauer, geringe Frustrationstoleranz mit Wutausbrüchen, gesteigerte Unfallhäufigkeit u.v.m. als Kleinkind sind deutliche Hinweise einer möglichen Erkrankung.
Im Kindergartenalter kommt die mangelnde Akzeptanz von Regeln und Anforderungen, Impulsivität und Distanzlosigkeit hinzu. Die schweifende Aufmerksamkeit und verminderte Konzentrationsfähigkeit, verbunden mit mangelnder Ausdauer, schlechter Handlungsorganisation und Vermeidungsverhalten sind Vorboten grosser Probleme in der Vorschulphase als auch später in der Schule. Das Vollbild ADHS zeigt sich zumeist zum Ende der Kindergartenzeit.
Bereits während dieser Phase geraten viele Eltern erstmals an ihre Grenzen und stehen vor scheinbar unlösbaren Problemen. Nur wenige Kinder möchten mit dem eigenen Kind spielen, es häufen sich negative Rückmeldungen über das Verhalten des Kindes ( "Ihr Kind hat heute........., bitte sprechen Sie mit Ihrem Kind über das Verhalten.....") und vieles mehr. Dies betrifft in erster Linie die hyperaktiven Kinder, die aufgrund ihrer Impulsivität vermehrt "Fehler" machen, für sich selbst jedoch nur wenig Einsicht zeigen und das Fehlverhalten immer bei den anderen suchen.
In der Schule kommen Selbstwertprobleme, Lernschwierigkeiten sowie Antriebsprobleme hinzu. Arbeitsgeschwindigkeit und Sorgfalt sind stark vermindert, die Schrift ist äusserst unleserlich, nicht zuletzt erschweren Disziplinprobleme alles um ein Vielfaches.
Im Jugendalter setzt sich ADHS oft mit einer veränderten Symptomatik fort, die Hyperaktivität ( falls sie vorhanden war ) verschwindet gehäuft, an diese Stelle tritt Desinteresse in Form einer Null-Bock-Mentalität, Kernsymptome wie sozial/emotionale Reifeverzögerung, schlechte Handlungsorganisation und vor allem innere Unruhe bleiben weiterhin bestehen. Die Überlagerung mit pubertätstypischen Verhaltensweisen und Denkstrukturen führt oftmals zu fast chaotischen Gesamtzuständen. Jugendliche, die bereits als Kinder agressiv und sozial auffällig waren, entwickeln oft dissoziales Verhalten, bei manchen wird auch eine Neigung zu Alkohol oder Drogen beobachtet.
Während dieser Phase steigern sich oftmals die Probleme der Eltern ins Unerträgliche, aber auch die Jugendlichen fühlen sich total unverstanden und ziehen sich mehr und mehr zurück, suchen Verständnis in der Gruppe von Gleichaltrigen ( oftmals Randgruppen ) oder isolieren sich fast völlig, die sogenannten" Stubenhocker " entstehen. Auswege werden in übersteigertem Computerspiel, Fernsehen oder einfach "Nichtstun" gesucht, das Zimmer vermüllt immer weiter, das Interesse für die Schule geht gegen Null, die Reibungspunkte zwischen Eltern und Kind sind täglich brutal spürbar.
Aber auch Betroffene ohne die bekannte Hyperaktivität, die "Träumer", leiden immer mehr unter der Symptomatik. Auch sie sind ständiger Kritik durch ihre Umwelt ausgesetzt, versuchen ihr Bestes, um im Endeffekt "doch alles falsch zu machen", das Ergebnis hieraus ist in vielen Fällen eine Komplettverweigerung, man hört Aussagen wie: " Ich bin doof, ich kann das sowieso nicht, alles viel zu viel" u.a. Auch hier sacken die schulischen Leistungen permanent in den Keller, die Abwärtspirale dreht sich weiter und weiter.
In der Ausbildung oder im Studium sind Desorganisation, emotionale Instabilität, geringe Ausdauer - und Frustrationstoleranz als auch Anpassungsschwierigkeiten weiterhin problematisch und führen häufig zu Abbrüchen oder Wechseln.
Die Symptomatik beim Erwachsenen zeigt sich durch Reizoffenheit, Neigung zu emotionaler Übersteuerung, geringer Frustrationstoleranz, Schwierigkeiten bei der Organisation des Alltags, ständiger Reizsuche, ungebremsten Redefluss oder aber quälender Langeweilegefühle. Konzentrationsprobleme sind an der Tagesordnung, es besteht eine Überfokussierung bei Interessengebieten, oftmals verbunden mit grossen Schwierigkeiten, Termine einzuhalten. Selbstwertprobleme werden häufig durch Vermeidungsverhalten und damit verbundenen Negativerfahrungen gesteigert, von daher werden Berufe mit grösseren Freiräumen und weniger festgeschriebenen Arbeitsabläufen bevorzugt gewählt.
Nicht zu unterschätzen sind die Begleiterkrankungen, die gehäuft im Zusammenhang mit ADHS zu beobachten sind:
Kinder und Jugendliche:
Lese-Rechtschreibstörung bis zu 30% der Fälle- Rechenstörung bis zu 30% der Fälle
- Ticsyndrom( Tourette-Syndrom) 10 - 20% der Fälle
- Autismus in 30% der Fälle
- Hohe Unfallrate ( durch unüberlegtes Handeln )
- Zwänge
- Depressionen
- Störung des Sozialverhaltens, oppositionelles Verhalten, daraus resultierend eine höhere Rate von Straffälligkeiten und Schulabbrüchen
- Massive Schlafstörungen
Erwachsene:
- Bis zu 40% der erwachsenen ADHS-ler leiden unter Ängsten und Depressionen, an dieser Stelle müssen sowohl Ängste und Depressonen als auch ADHS behandelt werden.
- Zwangsstörungen: Bei Auftreten von Zwangsgedanken oder Zwangshandlungen wird ADHS häufig übersehen, weil die Betroffenen gerade äusserst genau und perfektionistisch sind. Die heutige Wissenschaft geht davon aus, dass ADHS in Verbindung mit Zwängen daraus resultiert, dass die Betroffenen aufgrund ihrer leidvollen Erfahrung mit ihrer Vergesslichkeit und ihren Flüchtigkeitsfehlern kompensatorisch übergenau sind und sie sich ständig kontrollieren müssen. Dadurch werden Sie sehr umständlich, zäh und langsam, mögliche Auswirkungen im Berufsleben müssen sicherlich an dieser Stelle nicht detailliert beschrieben werden.
- Psychosomatische Symptome oder Somatisierungsstörungen, auch körperliche Erkrankungen, die eine seelische Ursache haben, treten gehäuft bei ADHS auf. Depressive Erkrankungen verwandeln sich oftmals in somatische Symptome. Dazu gehören insbesondere Beklemmungsgefühle, Kopfschmerzen, Herzstechen, Klossgefühl im Hals uvm. Als psychisch dürfen diese Symptome aber erst bezeichnet werden, wenn organische Ursachen differenzialdiagnostisch abgeklärt und definitiv ausgeschlossen sind. Körperliche Erkrankungen können ebenfalls durch ADHS negativ beeinflusst werden, z.B. wird ein möglicher Bluthochdruck oft variieren, sollten sich Wutanfälle und Impulsivität häufen oder auch ein Diabetes ist sehr schlecht einstellbar, wenn die Stimmungslage ständig schwankt. Stablität oder Instabilität zeigt sich sowohl auf der körperlichen als auch auf der seelischen Ebene. Darüber hinaus gibt es Erkrankungen, die häufiger mit ADHS zusammen vorkommen, ohne dass es bis heute eine wissenschaftliche Erklärung dafür gibt, hier sind z.B. Allergien, aber auch die Fibromyalgie zu nennen.
- Unfähigkeit, sich zu entspannen, Schlafstörungen, Restless-Leg-Syndrom, dies sind Probleme, mit denen nach neuesten Erkenntnissen ca. 25% der Erwachsenen, die an ADHS erkrankt sind, tagtäglich zu kämpfen haben. Resultierend aus diesen Faktoren bleiben die Betroffenen ständig gereizt, angespannt, nervös und explosiv, selbst wenn ihre Umwelt Erholung und Ruhe zulässt.
- Ca. 30 - 40% der Suchtpatienten haben ein unerkanntes ADHS und betreiben ihren Suchtmittelmissbrauch als gescheiterte Selbstbehandlung. Oftmals zeigt sich auch ein erheblicher Nikotinmissbrauch, da Nikotin am Dopamintransporter( Dopamin ist ein Botenstoff im Gehirn ) und so das ursächliche Dopamindefizit korrigiert wird. Bei ADHS-Patienten beginnt die Sucht häufig sehr früh und der Substanzmissbrauch ist ausgeprägter. Weiterhin zeigen sich vermehrt alle Formen der Sucht: Esssucht, Kaufsucht, Spielsucht, Computersucht, Kleptomanie etc. Der ADHS-Patient hat häufig zeitlebens ein Problem damit, etwas massvoll zu tun und die eigene Mitte zu finden. Sehr häufig findet man hohe Verschuldung bei ADHS-Patienten.
- Eine gehäufte Unfallgefährdung ist ebenfalls bei ADHS-Patienten festzustellen, ca. 5% der Betroffenen erleidet einen tödlichen Unfall oder aber beendet sein Leben durch Suizid. Der Suizid ist ein ncht zu unterschätzendes Risiko, da nicht alle Patienten vorher depressiv sind oder waren, sondern vielmehr kann es aufgrund der hohen Impulsivität, der heftigen Reaktionen und wegen der Gefühlsschwankungen in Krisensituationen zu Suiziden oder Suizidversuchen kommen.
- Persönlichkeitsstörungen: Als Ergebnis der Erfahrungen aus der Kindheit und der Herkunftsfamilie treten häufiger Persönlichkeitsstörungen auf. Am ehsten findet man hier die emotional-instabilePersönlichkeitsstörung ( Borderlinestörung ). Diese weist eine grosse Anzahl von Überschneidungen mit ADHS auf. Die Wissenschaft berät zur Zeit darüber, ob nicht ein grosser Teil der Borderlinestörungen des impulsiven Typus unerkannte ADHS-ler sind und als solche behandelt werden sollten.
ADHS-Patienten haben oft auch in folgenden Bereichen grosse Probleme:
- Aufgrund der hohen Impulsivität, der Zerstreutheit und der permanenten Weigerung, Dinge zu tun, die keinen Spass machen ( ständige Reizsuche ) bzw. zuverlässig Verantwortung zu übernehmen und sich den Pflichten des Lebens zu stellen, kommt es gehäuft zu Arbeits - und Beziehungskonflikten, die Scheidungsrate ist deutlich erhöht.
- In den Familien kommt es nicht selten zu schwersten Auseinandersetzungen bis hin zu körperlicher Gewalt. Da ADHS aufgrund der hohen Erblichkeitsrate oft bei mehreren Familienmitgliedern gleichzeitig vorhanden ist, zeigt sich hier ein hochexplosives Konfliktpotenzial. Es kommt zu täglichen Überforderungssituationen der Eltern, die dann ihre Kinder schütteln oder schlagen, auch wenn sie ansonsten nicht gewalttätig sind.
Zusammenfassend ist zu sagen, dass sich Probleme in folgenden Bereichen generell ergeben:
- Selbstorganisation
- Kindererziehung
- Beziehungsgestaltung
- Finanzmanagment
- Zeitmanagment
- Teamfähigkeit
- Zuverlässigkeit
- Arbeitsorganisation
- Strassenverkehr
Die möglichen Symptome der ADHS erfordern eine sehr fundierte Kenntnis des Krankheitsbildes, Behandlungserfahrung und Wissen über das Auftreten der Begleiterkrankungen. Eine differenzialdiagnostische Abklärung ist unerlässlich, um eine zuverlässige Diagnose stellen zu können, die wiederum für den Erfolg oder aber Misserfolg einer möglichen Therapie verantwortlich zeichnet. Eine leitliniengerechte Behandlung dieser Krankheitsbilder ist mehr als notwendig, nach heutigem Wissensstand zeigt sich die sogenannte multimodale Therapie als die erfolgversprechendste ( siehe Kapitel "Mögliche Therapieformen" ).
Abschliessend ist an dieser Stelle zu sagen, dass ADS / ADHS nach heutigem Kenntnisstand zwar nicht heilbar, jedoch in grossem Umfang therapierbar ist. Bei leitliniengerechter Anwendung sind grosse Erfolge erzielbar, eine der Hauptaufgaben ist es jedoch, die Gesellschaft in Form von Eltern, sozialem Umfeld, Erziehern in Kindergärten, Lehrern in Schulen als auch ausbildenden Betrieben und nicht zuletzt Ärzten, für dieses Thema zu sensibilisieren, Vorurteile und Fehlinformationen abzubauen und in Therapieinhalte mit einzubeziehen. Nur dann besteht eine berechtigte Hoffnung, für alle Beteiligten einen "lebenswerten" Zustand zu erreichen und enorme Kosten für die Versichertengemeinschaft der Krankenkassen zu reduzieren, dies ist einer der Schwerpunkte, dem sich unser Institut widmet und weiterhin widmen wird.
Was bedeutet Autismus-Spektrum-Störung ? ( Ausführlicher Beitrag in Vorbereitung )



Was ist ADS/ADHS?

